Klappentext
In diesem Buch sind Erzählungen, Dialoge und Miniaturen versammelt, die davon handeln, was bleibt, wenn wir innehalten und den Lärm der Welt um uns herum vergessen. Es geht um Achtsamkeit, Verbundenheit und die Fähigkeit, Empfindsamkeit auszudrücken. Eine Frau begegnet dem Rottweiler Rudi und ihrer eigenen Angst. Auf der Suche nach Antworten entdeckt ein Physiker, wie die eigene Einstellung die Wirklichkeit beeinflusst. Wir begleiten einen Zen-Koch auf seinem Weg, den Körper als Prozess zu erfahren. Wir hören, wie ein Einsiedler mit einem Baby über ein Blatt Papier spricht – und plötzlich wird alles eins. Für einen Gefangenen ist der Tod das Thema; ein Kind fragt nach Macht und Hass. Dann erwacht eine ältere Dame und stirbt kurz darauf; schließlich erzählt ein Außerirdischer.
Zwischen Bhutan und dem Alltag verknüpfen sich diese Fäden zu einer Art inneren Kompass.
Der Text umfasst ca. 27.000 Wörter bzw. ca. 200 Seiten im PDF-Format. Die Lesezeit beträgt etwa sechs Stunden; da die meisten Texte jedoch komplex sind und mehrmals gelesen werden sollten, verlängert sich die Lesezeit deutlich.
Dieses ohne Dogmen, dafür mit Humor und Wärme verfasste Buch ist ein Begleiter für all jene, die die wesentlichen Lehren des Buddhismus – dass die Welt eine Einheit ist und sich alles stets verändert – in ihrem Leben tiefer verankern möchten. Ergänzend sei erwähnt, dass es nicht innerhalb weniger Wochen niedergeschrieben wurde, sondern dass im Laufe von mindestens einem Jahr immer wieder Veränderungen vorgenommen wurden: Manchmal wurde etwas hinzugefügt, öfter jedoch wurde etwas, das nicht dem Wesentlichen diente, wieder entfernt.
Leseprobe:
Diese Seiten sind all jenen gewidmet, die die tiefgründigen Lehren des Buddha in die Welt getragen haben und weiterhin tragen. Die Besetzung Tibets durch China war ein einschneidendes Ereignis, das zweifellos als eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Erinnerung bleiben wird und unermessliches Leid mit sich brachte. Doch gerade dieser dramatische Umbruch führte dazu, dass viele erleuchtete Tibeter ihre Heimat verließen, um anderswo ihr spirituelles Erbe und ihre erhabenen Einsichten mit dem Rest der Welt zu teilen – in Form von Büchern, Seminaren und persönlichen Begegnungen. Als ich begann, diese bedeutende Lebenslehre zu studieren, wurde mir bewusst, welch paradoxer Segen in einem so schmerzhaften Ereignis liegen kann. Was für Millionen von Tibetern einst das größte Unglück war, wurde für mich zur Quelle des größten Glücks, denn dieser Umstand ermöglichte es mir, durch das Studium des Buddhismus ein neuer Mensch zu werden. Mein aufrichtiger Dank gilt daher allen, die sich unermüdlich für die Verbreitung dieses kostbaren Wissens eingesetzt haben und weiterhin einsetzen, insbesondere den Leuten von lotsawahouse.org, dem Manjughosha Verlag, dem Wandel Verlag und allen anderen Unterstützern.
Hintergrund
Über mich gibt es nicht viel zu sagen. In den letzten Jahren habe ich mich auf die Suche nach mir selbst begeben. Den Boden dafür bereitete eine Begegnung mit Buddhisten, die einst gemeinsam durchs Land zogen, Seminare gaben, Fragen beantworteten und wahres Mitgefühl ausstrahlten. Auch ich gehörte im Jahr 2016 zu den Männern und Frauen, die sich die tiefen Lehren Buddhas von diesen Lehrern anhörten. Dieser Vortrag faszinierte mich so sehr, dass ich anschließend um eine persönliche Unterredung bat. Es war der nächste Tag, ein Samstag, an dem die Gruppe nach dem Frühstück abfahren wollte, als ich im Besprechungsraum des Zentrums für Achtsamkeit anklopfte. Zu meiner Überraschung saßen dort nicht nur eine:r, sondern alle Lehrer:innen! Die 15 Minuten, die ich mit ihnen verbrachte, kamen mir wie 45 Minuten vor. Es klingt unglaublich, ist aber wahr: Nachdem der Smalltalk verklungen war, baten diese gütigen Leute mich, kurz zu warten, da sie noch etwas zu besprechen hatten. Nachdem sie dies getan hatten, signalisierte mir Rinpoche – ich nenne ihn einfach mal nach seinem buddhistischen Titel – dass ich mich wieder zu ihnen setzen könne. Nachdem ich Platz genommen hatte, sagte Rinpoche, sie hätten sich gerade beraten, welche Frage die richtige für mich sei, jene, „die du mit dir tragen solltest“, so seine Worte. Noch während ich verarbeitete, dass es kein Traum war, sagte die buddhistische Nonne zu mir: „Frag dich: Wer bin ich?” Auf meine Frage „Wer bin ich?” bekam ich von dem Dritten im Bunde die Antwort: „Genau das musst du selbst herausfinden. Mach dich auf die Suche. Es ist zwar schwer, doch für jeden möglich. Man muss nur den Willen haben, diesen Weg zu gehen, um diese Antwort zu bekommen. Doch eins sollst du wissen: Wenn du in den Spiegel schaust, siehst du zwar deinen Körper, aber du bist nicht nur dieser Körper. Du bist viel mehr, dein Ich geht weit darüber hinaus. Bevor du diese Tür verlässt, sollst du noch eine Anregung mitbekommen, mit der du diese Frage künftig deutlich schneller und leichter beantworten kannst – aber nur, wenn du dieses Ziel zu 100 % verfolgst und dich nicht ablenken lässt. Die Anregung lautet: Alles im Kosmos – ob lebendig wie der Mensch oder nicht lebendig wie der Stein – unterliegt permanenter Veränderung. Nichts in unserer Welt ist beständig. Mehr zu wissen ist für dich jetzt auch nicht notwendig, nur diese beiden Dinge. Bevor ich den Raum verließ, hatte man mir unter Gelächter einen Zettel und einen Stift gegeben – ich hätte den Raum nicht verlassen, ohne mir beides vor Augen zu führen. Bereits 15 Minuten später saßen die Erleuchteten im Auto und ließen sich zu ihrem nächsten Zielort fahren. Ich aber hatte nun eine Aufgabe, meine Lebensaufgabe. Und dieser bin ich dann auch nachgegangen Ob ich die Antwort inzwischen habe? Ja, ich denke, ich habe sie mittlerweile gefunden. Da sie mich so erfüllt, möchte ich auch andere dabei unterstützen, herauszufinden, wer sie wirklich sind – oder, um es konkreter zu sagen, wie groß ihr wahres Ich ist.
Noch ein paar Gedanken zum freien Willen und zum Glück. Je freier unser Wille ist, desto mehr unterlassen wir Dinge, die uns nicht guttun, wie etwa das Ärgern. Wenn wir uns ärgern, fehlt uns also die Freiheit (bzw. der Wille), dies zu unterlassen und somit mehr Glück zu erfahren. Unser „Möglichkeitsraum“ vergrößert sich demnach mit wachsender Achtsamkeit bzw. Bewusstheit. Sobald wir aufmerksam genug sind, können wir auch die tiefere Verbundenheit mit anderen wahrnehmen; wenn wir dies nicht wahrnehmen können, fehlt es uns an Achtsamkeit. Unser „Möglichkeitsraum“ ist dann so klein, dass wir uns durch ein solches Denken („Ich bin mit anderen in keinster Weise verbunden“) selbst Leid zufügen. Einige Worte zu Glück und Leid: Wir alle als Lebewesen (ob Mensch oder Tier) suchen in jedem Moment grundsätzlich unser maximales Glück. Dies ist nicht nur eine „buddhistische“ Ansicht, sondern kann von jedem selbst erkannt werden, wie Anne Frank in ihrer Autobiografie gezeigt hat. Ein kurzes Beispiel: Wenn wir morgens die Tasse Kaffee (oder Tee etc.) nehmen, dann ist genau dies die Handlung, die uns in diesem Augenblick von allen verfügbaren Optionen am meisten glücklich macht. Genauso ist es bei der Handlung danach, bei der übernächsten Handlung und so weiter. Dabei fragen wir uns vielleicht: „Warum bin ich nicht ständig glücklich?“ Eine Antwort, die sich in vielen Bereichen – von Religionen bis hin zur Philosophie und Psychologie – findet, sei es im Hinduismus oder vor allem im Buddhismus, lautet: Es ist unser eigener Geist, der uns mit seinen Gedanken – meist in Form von Sorgen und Zweifeln – eine Mauer gegen jenes Glück baut, das eigentlich in jedem Moment in uns allen vorhanden sein könnte. Tatsächlich sind Gedanken nur flüchtige Besucher, die in unserem Bewusstsein kurz haltmachen; wenn wir ihnen keine endlose Aufmerksamkeit schenken, verlieren sie ihre Macht über uns. Die größte Erkenntnis, zu der man im Leben gelangen kann, ist, dass Gedanken nicht eigenständig sind, sondern aufgrund der Funktionsweise des Bewusstseins von selbst kommen und gehen; dies führt zu unzerstörbarer innerer Ruhe, zu großer Selbstbestimmung und damit zu dauerhaftem Glück. (Dieser Vorgang lässt sich am ehesten mit Wolken vergleichen, die – unabhängig vom immer rein bleibenden Himmel – auch in gewisser Weise von selbst kommen und gehen, indem sie sich auflösen oder mit anderen Wolken vermischen.)
Die geheimnisvolle Begegnung
Da war dieses Kind, das sich für die letzten Wahrheiten des Lebens interessierte. Jeden Abend kurz vor dem Schlafengehen stellte es seinen Eltern die erstaunlichsten Fragen. Einmal fragte es seine Mutter: „Warum fanden so viele Menschen Hitler gut?” Sie erklärte, dass jedes Geschehen mehr als eine Ursache habe. „Je weniger wir den Dingen auf den Grund gehen, desto weniger können wir gemäß den Naturgesetzen leben und desto schwieriger wird unser Leben. Genau deshalb – nur vor sich hin zu leben, ohne sich ständig persönlich weiterzuentwickeln – entstehen Vorurteile, die den, der sie hat, in die Irre führen, manche im geringen, manche im großen Ausmaß.“ Um es ihrem Kind zu erklären, erzählte sie von den Nachbarn gegenüber. „Viele Leute haben diese Nachbarn als komisch bezeichnet – auch ich habe mich anfangs ein wenig von diesen Vorurteilen anstecken lassen … Lange glaubte ich, sie seien geizig, weil sie das Obst und Gemüse aus ihrem Garten – Äpfel, Birnen, Zucchini und Kürbisse – mit niemandem im Dorf teilten. Eines Tages sah ich jedoch, wie sie eine große Lieferung ins städtische Krankenhaus brachten; seitdem behaupte ich nicht mehr, ich würde sie kennen … Mir war klar geworden, dass ich mich aufgrund fehlender Hintergründe getäuscht hatte.“